Wir und die anderen, die BILD und die Ausländer.

Eine statistische Abrechnung.

„KRIMINELLE JUGENDLICHE AUSLÄNDER - Wenn es Nacht wird, explodiert die Gewalt"

„Jeder 5. Tatverdächtige ist Ausländer"

„Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer!"

„Kein Asyl, kein Führerschein: XXXXX fährt Motorrad-Fahrer tot! ...und marschiert wieder in die Freiheit!

Es steht düster um Deutschland. Liest man die Schlagzeilen der BILD-Zeitung, ist man versucht, Brecht zu zitieren: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!" Alle paar Tage eine neue Schockmeldung von einer türkischen/kurdischen/albanischen/arabischen/russischen Jugendgang, die „deutsche Jugendliche" absticht, auf den Schulhöfen verprügelt und auch sonst unseren Staat in Chaos, Gewalt und Bürgerkrieg versinken lässt.

Und die Zahlen sind wirklich beeindruckend: 22 Prozent aller Tatverdächtigen in Deutschland sind Ausländer, bei einem Bevölkerungsanteil von nur 8,8%! 62 Prozent der Flüchtlingskinder aus Ex-Jugoslawien sprachen kein Deutsch! In Berlin sind 80% der Intensivtäter Ausländer! 2010 wird in großen deutschen Städten die Ausländerquote 50% betragen! O tempora, o mores - Oh Zeiten, oh Sitten, wie Cicero in seiner ersten Rede gegen Catilina den Verfall der Sitten beklagte.

Solche Zahlen schlagen sich natürlich auf die Stimmung nieder. In Umfragen wird der Ausländeranteil an Verbrechen auf 35 bis 36 Prozent geschätzt. Immer mehr Rufe nach Abschiebung von kriminellen Ausländern werden laut. Und die NPD bekommt jeder Logik zum Trotz immer wieder beängstigend viele Stimmen mit Slogans wie „Gute Heimreise!" Schließlich weiß doch jeder,
dass wir ein großes Problem mit ständig wachsender und eskalierender Ausländerkriminalität haben,
dass ausländische Jugendliche aggressiver sind als deutsche,
dass streng muslimische Männer ihre Frauen unterdrücken und die muslimischen Gesellschaften von einer Macho-Haltung durchzogen sind,
dass auf unseren Schulhöfen Gewalt und Respektlosigkeit explodieren.

Das weiß doch jeder. Aber stimmt es auch?

Gehen wir einmal die genannten Zahlen in Ruhe durch. 62 Prozent der Flüchtlingskinder sprechen kein Deutsch, das klingt sehr viel - bis man sich klar macht, dass die Wenigsten vor ihrer Flucht Zeit und Muße für einen Deutschkurs hatten. Zahlen, wie die Deutschkenntnisse nach beispielsweise einem Jahr aussahen und ob sie sich vielleicht verbessert haben, werden nicht vorgelegt. Eine Ausländerquote von 50% klingt astronomisch - bis man entdeckt, dass diese Rechnung auf obskuren Definitionen und total überzogenen Annahmen basiert und in Wirklichkeit keine wissenschaftlich gesicherten Angaben existieren.

Und der Anteil an Tatverdächtigen in Deutschland beträgt weder geschätzte 35 bis 36 Prozent, noch polemisch am Stammtisch gegrölte 22 Prozent, sondern 17,4 Prozent - wenn man berücksichtigt, dass in den 22 Prozent auch illegale Einwanderer sowie Touristen enthalten sind. Dazu muss man beachten, dass sogar in den hier abgezogenen 4,6% eine Menge Delikte wie Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht, illegale Grenzüberschreitungen und Ähnliches sind, die Deutsche überhaupt nicht begehen können.

Und die 80% der Intensivtäter ist auch relativ, wenn man berücksichtigt, dass es deutschlandweit keine einheitliche Definition von „Intensivtäter" gibt. Schwerer wiegt noch, dass in diesen Statistiken plakativ jeder „Ausländer" genannt wird, der eigentlich als „Jugendlicher mit Migrationshintergrund" geführt wird - also der selbst Ausländer ist, einmal war oder mindestens einen Elternteil hat, der Ausländer ist oder einmal war (Ausländer hier im Sinne von „ohne deutschen Pass"). 

Aber es wird doch alles immer schlimmer, oder? Nein!

Laut dem Jahresbericht der Innenministerkonferenz über Gewalt bei Jugendlichen ist in den letzten zehn Jahren der Anteil von Ausländern bei Verbrechen stark GESUNKEN, und zwar um 130.000 Fälle auf besagte 17,4% Beteiligung an der Gesamtstatistik. Bei Gewaltverbrechen stieg zwar die Zahl der Taten um 2.000 Taten leicht an. Da aber deutsche Gewalttäter stark zulegten und einen Anstieg von 40.000 Fällen zustande brachten, SANK auch hier die relative Beteiligung ausländischer Jugendlicher auf 24,8%. Im Vergleich zu vor zehn Jahren ist das eine Verringerung um ein Viertel! Kurz gesagt: Von vier gewalttätigen Jugendlichen sind heute drei Deutsche. Und auch bei „Spezieller Gewaltkriminalität", eine Floskel, die einfache Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung, Widerstand gegen Vollsteckungsbeamte und Beleidigung auf sexueller Basis beinhaltet, findet sich kein Anstieg an ausländischen Tatverdächtigen.

Dazu ist zu beachten, dass all diese Zahlen TatVERDÄCHTIGE beschreiben - und ob bei einer gefühlten Ausländerkriminalitätsrate von 35% wirklich jede Täterbeschreibung vorurteilsfrei abläuft, ist zu bezweifeln.

Aber gehen wir doch noch einen Schritt weiter: Die „Gewaltorgien ausländischer Jugendlicher" sind in aller Munde. Erhitzt wird über Berliner und sonstige Schulen diskutiert, wo - traut man einschlägigen Medienberichten - Schlägereien, Ehrenmorde und Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Da kommt die Zahl, dass nur zwischen 1 und 5 Prozent aller Gewalttaten tatsächlich auf dem Schulhof verübt werden, doch wie eine kalte Dusche. Und auch die berüchtigten Türken-Gangs spielen laut IMK keine Rolle, da die Gangs sich in erster Linie über Schule und Wohnort und fast überhaupt nicht über ethnische oder nationale Gemeinsamkeiten definieren. Und sogar die gestiegene Anzahl von Gewalttaten in der Statistik wird allgemein eher auf eine gestiegene Anzeigebereitschaft zurückgeführt - durch eine wachsende Ablehnung von Gewalt bei den Jugendlichen.

Einzelfälle wie die „U-Bahn-Schläger" Ende 2007 haben in Deutschland Furore gemacht, wobei das Klischee von jugendlichen, ausländischen Schlägern untermauert wurde, die ältere, wehrlose Menschen zusammenschlagen aus purer Lust an der Gewalt oder aus Habgier. Das ist aber eine Fantasie gewisser xenophob-konservativen Medien. Tatsächlich wird der überwältigende Großteil aller Verbrechen an Opfern gleichen Alters, Geschlechts und gleicher sozialer Schicht verübt. Und tatsächlich findet man heraus, wenn man diese Zahlen genau aufschlüsselt, dass sehr viel weniger Tötungs- und Raubdelikte stattfinden, die Zahl der Körperverletzungen aber stark zunimmt. So gesehen kann man also festhalten, dass die durchschnittliche Schwere der Verbrechen stark abgenommen hat.

Aber, aber die Ausländer nehmen uns doch Arbeitsplätze weg! Und außerdem sind so viele von ihnen arbeitslos und liegen dem Staat auf der Tasche...?

Ebenfalls beides falsch. Gleichberechtigt beschäftigt werden dürfen in Deutschland nur Ausländer mit einer Niederlassungserlaubnis, und diese darf nur erteilt werden, wenn der oder die Betroffene seit fünf Jahren hier lebt und mindestens 60 Monate lang in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Und wenn behauptet wird, nur 7,6 Prozent aller Arbeitenden seien Ausländer, so ist das unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, dass Kinder, Jugendliche und alte Menschen schwerlich arbeiten können. Rechnet man diese aus der Stastistik heraus, so haben tendenziell mehr Ausländer als Deutsche eine geregelte Arbeit und zahlen damit in die Rentenversicherung ein. Nur 40% aller Ausländer haben eine Niederlassungserlaubnis. Hierbei ist wiederum zu beachten, dass auch Ausländer ohne Niederlassungserlaubnis arbeiten dürfen - aber deutsche Bewerber bevorzugt werden. Und so ist bei Ausländern die Arbeitslosenquote immer noch doppelt so hoch wie bei Deutschen.

Aber letztendlich ist es doch so, dass ausländische Jugendliche viel eher straffällig werden als Deutsche?

Jein. Untersucht man die reinen Zahlen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Jugendlicher im Laufe seiner Jugend straffällig wird, so ist tatsächlich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund (13,2%) die Wahrscheinlichkeit durchschnittlich dreimal höher als bei einem Deutschen (4,1%). Aber hier werden Äpfel mit Birnen verglichen: Wie der IMK-Bericht festhält, sind die Hauptursachen für Jugendkriminalität in der sozialen Umgebung zu suchen. Dabei muss man beachten, dass viele Migranten in einem anderen Umfeld leben als Deutsche. Die Verhältnisse sind weit bekannt: schlechte Schulbildung, Leben am Rande des Existenzminimums (meist unverschuldet), keine Hoffnung auf beruflichen und sozialen Aufstieg. Betrachtet man nun die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen dazu, stellt man überrascht fest:

„Wir haben eine Studie (PDF) erstellt, in der wir nicht Äpfel mit Birnen, sondern Türken mit Deutschen vergleichen, die in derselben sozialen Lage sind: also nur Realschüler, keine innerfamiliäre Gewalt, normales Einkommen. Da zeigt sich, dass die Gewaltrate identisch ist: Bei beiden haben um die 12 Prozent angegeben, im Jahr zuvor jemanden verprügelt oder mit Gewalt jemandem etwas weggenommen zu haben. Und wenn wir nach der Intensivtäterrate fragen, also nach Leuten, die mindestens fünf Gewalttaten begangen hatten, liegen die Unterschiede zwischen 1,9 Prozent bei den Türken und 1,7 Prozent bei den Deutschen. Damit zeigt sich: Es macht überhaupt keinen Sinn, hier das Thema Ausländer in den Mittelpunkt zu rücken, es geht um die Unterschicht."

(Prof. Christian Pfeiffer im Interview mit bildblog.de)

Also sind nicht die Ausländer das Problem. Die Armut ist es, die Einkommensschere zwischen Ober- und Unterschicht. Niedrige Löhne, schlechte Sozialsysteme, ein marodes Bildungssystem - und die leider sehr stark ausgeprägte Neigung, sich auf einen „der Anderen" zu stürzen, um mit Fingern darauf zeigen zu können. Die Realität ist ernüchternd: Über 80 Prozent aller jugendlichen Verbrecher sind deutsch. Schulhofgewalt macht nur einen verschwindend geringen Anteil an der Gesamtgewalt aus und hier wiederum bilden Ausländer nur einen geringen Anteil. Und von sieben ausländischen Jugendlichen werden sechs durchs Leben gehen, ohne sich das Geringste zu Schulden kommen zu lassen. Das ist ernüchternd. Aber dafür ist es wahr.

Eigentlich müssten die Schlagzeilen also ganz anders lauten. Wie wäre es denn mit „Sinkende Gewalt bei ausländischen Jugendlichen - aber Deutsche werden brutaler!" oder „Ausländer helfen uns, die Rentenkasse zu füllen!" oder vielleicht „Gewalt an Schulhöfen total überbewertet!" oder „Sechs von sieben ausländischen Jugendlichen trotz sozialer Probleme straffrei - Multikulti-Erfolg auf ganzer Linie!"

Aber das würde einem ja keiner glauben. Schließlich weiß jeder, dass das nicht so ist.

Und so tönt es von allen Wänden:

„Studie beweist: Junge Ausländer gewalttätiger als junge Deutsche"

„Dauer-kriminelle Ausländer ausweisen!"

„So viel kostet ein Therapie-Platz für kriminelle Ausländer!"

„Ein Lehrer packt aus - Wir leiden unter den Fehlern der Politik!"

„Gewalttätige jugendliche Ausländer..."

„Wer nicht Deutsch spricht, kommt auf die Sonderschule!"

„Gewaltkriminalität von Jugendlichen nimmt zu!"

„Das läuft mit den Ausländern falsch!"

„Ghettoisierung" - „Ausländer-Gewalt" - „Gewalt-Kids von der Terror-Schule" - „Haßprediger" - „Prügel-Türke" - „Ehrenmord" - „Gewalt-Exzesse" - „Türken" - „Albaner" - „Polen" - „Araber" - „Kurden" - „Ausländer" - „Ausländer" - „Ausländer" - „Ausländer" - „Ausländer" - „Ausländer" - ...

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.

(Quellen:

- http://www.berlin.de/imperia/md/content/seninn/imk2007/beschluesse/imk_185_bericht_top16.pdf
- http://www.bildblog.de/index.php?s=Ausl%C3%A4nder
- http://bundesrecht.juris.de/aufenthg_2004/__9.html
- www.bild.de )

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