Es war einmal, vor gar nicht all zu langer Zeit, ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Nun war diesem Vorstandsmitglied sehr, sehr langweilig und es gab vieles im Staate Deutschland, das ihm sehr missfiel; und so nutzte es seine Freizeit, ein Buch zu schreiben.
Das Buch heißt „Deutschland schafft sich ab" und Thilo Sarrazin, inzwischen Ex-Vorstandsmitglied, hat damit eine kulturpolitische Debatte losgetreten, die in dieser Form nur schwer vorauszusehen war. Sarrazin, der schon öfter mit markigen ausländerfeindlichen und rassistischen Sprüchen aufgefallen ist, beschreibt darin die Verdummung und das Aussterben des deutschen Volks, die durch die Zuwanderung der besonders fortpflanzungsfreudigen Muslime noch beschleunigt würden. Dabei fällt vor allem ins Auge, dass insbesondere aus der so genannten „Mitte des Volkes" Zustimmung laut wurde, unterstützt durch eine Breitseitenkampagne der BILD-Zeitung.

Dabei erkennt man bei genauerem Hinsehen leicht, dass diese Debatte weder konstruktiv noch nötig ist. Von allen Seiten des politischen Spektrums hagelt es Kommentare und Diskussionsbeiträge, aber der Eindruck entsteht, dass viele der Teilnehmer sich nicht wirklich mit den Thesen auseinandergesetzt haben – und noch weniger haben verstanden, was in Deutschland eigentlich gerade vor sich geht.

 

Am Allerwenigsten vielleicht Thilo Sarrazin selbst. Ein etwas in die Jahre gekommener Mann, silbergraue, korrekte Frisur und ebensolcher Schnauzer, Brille, schmächtig. Aber angeblich die Rettung der deutschen Debattierkultur, die ihn feiert als Ritter der Meinungsfreiheit, als einen, der sich traut, zu sagen, was man doch noch mal sagen können muss, als einen „von uns", der den abgehobenen Politikern sagt, wie es ist.
Dabei ist Sarrazin doch selbst einer von „denen da oben" - ehemaliger Finanzminister, bei der Deutschen Bahn beschäftigt, Deutsche-Bank-Vorstand. Man kommt nicht umhin, zu zweifeln, wie oft Sarrazin wirklich in Berlin-Kreuzberg unterwegs war, mit wie vielen Immigranten er geredet hat. Mehr noch, die Frage ist, ob seine Thesen nicht weniger auf Volksnähe basieren als viel mehr auf einer abgehobenen Reproduktion lieb gewonnener Vorurteile, Verschwörungstheorien und Feindbildern, die, kombiniert mit den real existenten Problemen, die er auch umfangreich anspricht, die verhängnisvolle Mischung ergeben hat, die jetzt Rechtspopulisten den Auftrieb ermöglicht, den sie zur Zeit genießen.

 

Sarrazin selbst belegt seinen Hintergrund auch in seinen Thesen zum Zustand Deutschlands. Die krasse Politik des Forderns statt Förderns, der Ruf nach starken Kürzungen der Sozialleistungen, dem Eindampfen der Fördermaßnahmen, das Fingerzeigen auf die sozial Schwachen sind pathologisch für einen Beamten, der in seinem ganzen Leben nicht ums Überleben kämpfen musste. Die Wahnvorstellung vom Arbeitslosen, der aus purer Boshaftigkeit und Faulheit dem Staat auf der Tasche liegt, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Ausführungen und bedient damit weitere Ressentiments in der Gesellschaft, aber mehr noch: dadurch, dass er seine Ausführungen in seinen Auftritten auf die Immigranten konzentriert, schafft er gezielt ein Feindbild, das des ungebildeten (oder, wie er es nennt, „bildungsfernen") Moslems, der nach Deutschland kommt und sich mit seiner gesamten Familie durchfüttern lässt, weil die Gutmenschen in der Regierung zu lahm, lieb und dumm sind, zu erkennen, wie das deutsche Volk um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird.

 

Die Popularität Sarrazins beruht zum Teil in der schnelllebigen Medienkultur, die unsere Gesellschaft prägt. Die Thesen und Aussagen Sarrazins basieren auf absolut korrekten und wasserdichten Statistiken, und die Probleme, die er anspricht – Integrationsunwillen vieler Immigranten, niedriges Bildungsniveau – sind weder neuartige Erkenntnisse noch Tabuthemen in der deutschen Politkultur, auch wenn seine Anhänger versuchen, ein gegenteiliges Bild zu erzeugen. Dabei ist das Problem eher, dass die meisten öffentlichen Stellungnahmen von Politikern innerhalb kürzester Zeit stattfinden müssen – viel zu wenig Zeit, sich eingehend mit der Materie zu beschäftigen, die Zahlen zu prüfen und seine Überlegungen nachzuvollziehen. Dadurch kommt es zu inhaltsleeren, pauschalisierenden Ablehnungen, die im Endeffekt leider dazu geführt haben, dass es zu einer völlig absurden Zensurdebatte und zur pathetischen Beschwörung der Meinungsfreiheit gekommen ist. Ähnlich kurzatmig sind die meisten Interviews und Expertenmeinungen, aus denen Sarrazin seine scheinbare Zustimmung bezieht: statt sich mit den Thesen im Detail zu beschäftigen, wird oft nur gefragt, ob die Zahlen stimmen oder ob er Recht hat. Und da die Faktenlage stimmt, kommt dabei ein äußerst positives Bild heraus. Die 92% „Zustimmung seiner Thesen" kommen von einer Umfrage, die danach fragte, ob er mit seiner Meinung zu weit gegangen sei; 92% stimmen seinen Thesen also keineswegs zu, sondern meinten nur, er solle die Freiheit haben, seine Meinung zu verkünden!
Auf der gleichen Schiene läuft die Meldung, 18% würden eine Sarrazinpartei wählen. Die Frage war, welche Partei man sich vorstellen könne zu wählen, und vorstellbar ist viel. Horst Schlämmer erreichte damals auch 18%, die Linke erreicht in dieser Umfrage beinahe 40%.

 

Davon abgesehen, wie sehr die Meinungsfreiheit in Gefahr ist bzw. wie viel Mut es kostet, die Wahrheit zu verkünden, wenn mit der BILD der Rottweiler des Springer-Imperiums hinter einem steht: weder das Buch noch seine Lesungen wurden je in irgend einer Form der Zensur unterworfen. Seine Arbeitsstelle hat er nicht verloren, sondern niedergelegt und die Diskussion nach seiner Abberufung drehte sich nicht darum, ihn mundtot zu machen, sondern um den Imageverlust der Bank zu verhindern, einen vermeintlichen Rassisten im Vorstand zu haben. Und dabei vergessen die lautesten Plärrer nach Meinungsfreiheit leicht, dass diese auch beinhaltet, Sarrazins Thesen neutral zu prüfen und als Unfug zu befinden.

 

Bei einer solchen, unvoreingenommenen Überprüfung kommt nämlich schnell die eigentliche Wahrheit hinter den Thesen zum Vorschein: ein irritierendes Halbwissen, krasse Fehlinterpretation der Statistiken oder wirre Zahlenspiele, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Statistiken, die einen Einfluss der Gene auf den IQ nahelegen, werden unreflektiert zitiert, ohne die Relevanz dieses Einflusses zu diskutieren. Die Zuwanderung wird zum apokalyptischen Problem stilisiert, ohne zu beachten, dass die Abwanderung in die Türkei inzwischen überwiegt. Zuwanderern aus muslimisch geprägten Ländern wird statistisch ein höherer Fortpflanzungsdrang unterstellt und alle Daten, die nahelegen, dass die höhere Geburtenrate sich mit steigender Integration nach mehreren Generationen sehr schnell dem deutschen Standard angleicht, komplett ignoriert.
Ja mehr noch – in seiner Lesung in Potsdam verwendet er oft Herkunft und Religion Synonym - „Moslem" ist für ihn gleichbedeutend mit „Türke", „Ausländer" oder „Bildungsfremder", eine enttarnende Nachlässigkeit, die aber erkennen lässt, mit welcher Ignoranz er das Thema behandelt. Bei einer gezielten Nachfrage aus dem Publikum wird klar, dass er sich dieser Synchronisierung nicht bewusst ist und pocht – wie immer, wenn er nicht weiter weiß – auf seine wasserdichte Faktenlage.

 

Aber um diese Faktenlage geht es nicht. Die Fakten sind klar, aber Zahlen sagen nichts über die Probleme Deutschlands aus. Während Wissenschaftler aller Couleur damit beschäftigt werden, die Daten zu prüfen, sind Sarrazin und seine Anhängerschaft damit beschäftigt, die absurdesten Schlussfolgerungen zu ziehen, von genetischer Vorbestimmung der kulturellen Klasse bis hin zu Ausrottung der Deutschen durch islamische Fruchtbarkeit. Dabei ist Sarrazin selbst kein Rassist im eigentlichen Sinne, denn sein Feindbild ist keine Rasse, sondern eine Religion, der Islam, und die intellektuelle Minderwertigkeit der Muslime begründet er nicht genetisch, sondern kulturell.
Islamfeindlichkeit hat Konjunktur seit beinahe einem Jahrzehnt, die Angst vor Terroranschlägen hat sich mit Wahnvorstellungen einer weltumspannenden Kabale vermischt. Und da es am Islam auch durchaus begründete Kritikpunkte, wie das restriktive Frauenbild oder die Militarisierung bei Fundamentalisten gibt, wirkt die Warnung vor einer Übernahmeverschwörung der Moslems noch glaubhafter als bei den Juden. Diese Kritikpunkte werden dann überzeichnet, mit Statistiken scheinbar belegt, mit Vorurteilen vermischt und fertig ist das Feindbild.

 

Das ist kein neues Phänomen. Schon im dritten Reich warnten die Nazis davor, dass das deutsche Volk von „unreinen Rassen" überwältigt werden würde, wenn es nicht genug Kinder bekäme. Die Angst vor rassischer und kultureller Assimilation brütet sich seitdem unvermindert durch die Alpträume des rechten Rands. Dass sich Sarrazin dabei selbst nicht als rechts betrachtet, klingt wie blanker Hohn, wenn man sich seine politischen Bettgenossen ansieht: das rechtsaußen-Forum „Politically Incorrect" spendet ihm Beifall und verbreitet seine Botschaft, die NPD bietet ihm eine sofortige Ehrenmitgliedschaft an, sollte er aus der SPD ausgeschlossen werden. Die Botschaft vom bösen Islam, der die deutsche Leitkultur untergräbt, ist einfach für Neonazis zu verlockend, um sie nicht in die „Mitte der Gesellschaft" zu tragen.
Sarrazin selbst macht dabei den Eindruck, als würde er gar nicht wirklich wissen, wie ihm geschieht. In seiner Lesung in Rostock erwähnt ein Besucher einen Vorwurf, die Thesen seien rassistisch. Sarrazin reagiert verschnupft, weigert sich, diesen seiner Meinung absurden Vorwurf weiter zu diskutieren.

 

Und dennoch: obwohl sich nur eins von neun Kapiteln in seinem Buch mit der Integrationsproblematik beschäftigt, dreht sich fast die gesamte Lesung darum. Sarrazin wirkt unsicher, nervös, man sieht ihm an, dass er auf der Bühne nicht zu Hause ist, aber bei jeder der zahllosen stürmischen Applauswellen entspannt er sich. Jubel, wenn die Ausländer besonders deutlich kritisiert werden. Buhrufe bei kritischen Fragen. Und der Moderator des Abends, von der „Märkischen Allgemeinen" zieht schon in der Ankündigung hämisch über Kritiker Sarrazins her, appelliert pathetisch an Meinungsfreiheit und, ganz auf Linie der BILD, an das, was man „doch noch sagen dürfen muss". Eine Bewegung, die sich als schweigende Mehrheit sieht, unterdrückt von „denen da oben", in einem Land, wo politische Korrektheit wichtiger sei als politische Tatsachen. Das kommt an, und Sarrazin badet im Applaus der Massen. Er genießt ihn.

 

Der Schock vom Abend bei Beckmann hat sich wohl eingebrannt, diesem traumatischen Abend, als er allein gegen eine Wand von Kritikern stand und systematisch demontiert und niedergemacht wurde. Auch wenn hinter dem deutlichen Abschmettern seiner Thesen eine gute Absicht gesteckt haben mochte: schnell war die Rede von einem voreingenommenen Schaugericht, dem es nicht um die Diskussion seiner Thesen ging, sondern nur um eine Abfertigung seiner Person. Ironischerweise hat ihm das gutgetan, die Sympathien waren auf seiner Seite, des Einzelkämpfers, der scheinbar nicht sagen darf, was er denkt, obgleich man ihn mit einer sachlichen Debatte deutlich gründlicher und fairer hätte widerlegen können. Und Sarrazin selbst hat gemerkt, dass er fast ausschließlich durch seine Ausländer-Thesen wahrgenommen wird. Die Kritik richtet sich an sie, genauso wie der Lob – und so richtet sich auch die Lesung danach, mit einem Publikum, das nach pseudowissenschaftlicher Islamkritik dürstet. Und Sarrazin weiß, diesen Durst zu bedienen, lässt sich durch den rechten Rand instrumentalisieren.
Ob er sich bewusst ist, mit welchen Gruppierungen er sich da im Endeffekt einlässt, ist fraglich.

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