Am 25. Oktober 2008 sorgte ein Zwischenfall bei der wienerischen Straßenbahn für Furore. Anlässlich der letzten Fahrt der historischen Linie 1 hatte sich eine größere feiernde Menge zusammengefunden, die Stimmung war ausgelassen und lustig, und der Tramfahrer verlangte zum Abschied von seinen Fahrgästen, absolut ruhig zu sein: er wolle eine Stecknadel fallen hören können. Danach kehrte er ins Führerhäuschen zurück (wobei er "Führer"-Stand schon mit entsprechender Betonung aussprach) und verkündete pathetisch die letzte Fahrt der Linie eins, wies auf die historische und traditionelle Bedeutung der Linie hin, und schloss mit einem würzig-zackigem "Sieg Heil!"

Als sich ein couragierter Fahrgast den Ausweis des Fahrers zeigen ließ, um diesen später anzuzeigen, fragte dieser ihn einfach nur trocken: "Versteht's ihr keinen Spaß?"

Was ist das Beklemmendste an dieser Geschichte? Ist es die aufgeheizte Stimmung in der Menge, die die ganze Zeit über in der Straßenbahn herrscht und die offensichtlich den Fahrer so anfeuerte, dass er meinte, Naziparolen rufen zu müssen? Ist es die Tatsache, dass irgend jemand der Meinung ist, "Sieg Heil" zu rufen sei witzig oder spaßig? Ist es die Tatsache, dass Partygäste den Fahrer noch verteidigten und dem eingreifenden Fahrgast beschimpften, als er die Feierstimmung ruinierte, ihm vorwarfen, keine "Freude am Leben" haben zu können? Oder ist es die beängstigende Tatsache, dass sowohl das "Führer"-Stand  genau wie der "Sieg Heil"-Ruf von einigen anwesenden Partygästen mit zustimmendem Gegröle und Gelächter beantwortet wurde?

Der Fall ist abgeschlossen, der Fahrer entlassen und die Medien haben sich wieder beruhigt, und doch ist er exemplarisch für eine Tendenz, die sich immer stärker abzeichnet: eine Abnutzung und Trivialisierung von Nazi-Gesten, Sprüchen, Liedern oder Zeichen. Schon 1990 prägte Mike Godwin das seitdem bekannte (und nicht ganz ernst gemeinte) "Godwin's Law" für Diskussionen im Usenet: "Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert Eins an."

Damit wird augenzwinkernd auf die eigentlich besorgniserregende Tatsache hingewiesen, dass es bei vielen Menschen üblich geworden zu sein scheint, Diskussionen, bei denen sie zu unterliegen drohen, mit einem Hitler-Vergleich zu wenden, sodass die Diskussion komplett entweder durch die Diffamierung des Gegners oder durch die Empörung über diesen Vergleich zum Erliegen kommt. Gleichzeitig provoziert eine solche Aussage, und Leute, die sich nicht über die historisch-politischen Hintergründe bewusst sind, benutzen solche Symbole, um ungeliebte Diskussionen kurz und bündig zu beenden und Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Oft sogar ist diese Aufmerksamkeit das eigentliche Ziel der Urheber. Wenig provoziert so sehr, polarisiert so stark und schockiert so brutal wie ein Hitler-Vergleich, ein NS-Zitat oder eine Nazi-Parole, die politisch möglichst unkorrekt in die Öffentlichkeit geworfen wird.

Dabei steht in solchen Fällen die politische Aussage komplett im Hintergrund, ja, in den meisten Fällen ist den anwendenden "Provokateuren" sogar eine politische Bildung, die eine eigene Meinung fordert, abzusprechen. Bei youtube findet man hunderte von Homevideos pubertierender, sich unglaublich originell findender Jugendlicher (meist aus den USA), die sich Hitlerbärte ankleben und mit Hitlergruß und im Stechschritt durchs Bild marschieren und dabei Tränen lachen. In der Bundeswehr kursieren Witzsprüche wie "Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten" oder "Marschieren macht frei". Immer wieder findet man an Schulen Jugendliche, die Hakenkreuze schmieren, ohne dieses Symbol auch nur mit dem dritten Reich in Verbindung zu bringen; es provoziert nur einfach so schön.

Dieser Trend ist besorgniserregender, als es zunächst den Anschein macht. Nicht obwohl, sondern gerade WEIL dieser so genannte "Humor" sich nicht auf Pointen und Wortwitz, sondern einzig auf die Erheiterung über den begangenen Tabubruch stützt, wird dabei jede politische und historische Auseinandersetzung verhindert; anders als beispielsweise bei politischen Satiren oder (intelligenten) Parodien auf das dritte Reich oder rechtsextreme Gruppierungen allgemein. Dadurch stumpft aber auch das Gesamtempfinden ab.

Das Hakenkreuz verblasst vom Symbol für Massenmord zu einer Provokation hormongeplagter Jugendlicher, die NSDAP wird zu einem Stilmittel für schlechte Wortspiele, der Holocaust wird vom Völkermord zu einem Kalauer, Göbbels zur Witzfigur, Göring zum Popstar, Hitler zum Smileymotiv. Happy Hitler?

Oft überschreitet dieser vermeintlich harmlose Kalauer bereits die Grenze zum Rechtsextremismus. Selbst rechtsextreme Versandhäuser nehmen sich bereits selbst auf die Schippe, indem sie "My Boss is an Austrian Painter"-Stoßstangensticker und "Waffen-SS-Athletic-Club"-Muscleshirts vertreiben. Der ernst dreinblickende Schläger an der Straßenecke ist nicht mehr aktuell, das weiß man spätestens, seit eine Armada von geleckten Rechtspopulisten in Anzug die Straßen stürmt und Schulhof-CDs verteilt, pseudointellektuelle Essays schreibt und in diverse Landtäge Einzug hält. Aber es sieht fast so aus, als müsste man dem "Neo-Nazi" noch ein anderes Gesicht verpassen: dem freundlichen Kumpel neben einem an der Theke, der es schafft, mit vielleicht etwas niveaulosen, aber ja ach so provokant-mutigen Sprüchen die ganze Kneipe zu unterhalten. Und alle lachen mit, denn man will ja keine Spaßbremse sein. Versteht's ihr keinen Spaß?

Die große Frage hierbei ist natürlich die selbe, die auch bei Hitler-Komödien (LINK!!!!!!!!!!) durch die Medien schwappte: Darf man über Hitler/Nazis lachen?

Die Antwort muss jeder für sich entscheiden, aber am wirksamsten gegen das braune Gedankengut ist wohl: Ja, darf man. Aber über sie, und nicht mit ihnen. Und etwas Niveau hat noch niemanden umgebracht.

Im Zweifelsfall darf man ohne weiteres den couragierten Fahrgast aus Wien zitieren, der den Straßenbahn-Fahrer zur Rede stellte und seine Dienstnummer notierte. Gefragt, ob er denn keinen Spaß verstehe, sagte er schlicht und einfach: "Na, des is kein Spaß!"

Und wo er Recht hat, hat er Recht.

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