Mit dem Flugzeug ging es im Oktober 2007 von Frankfurt nach Katowice, wo wir dann nach einigen Komplikationen von einem Bus abgeholt und nach Oswiecim gebracht wurden. Oswiecim ist ein kleiner Ort in unmittelbarer Nähe zu den Konzentrationslagern in Auschwitz, wo sich eine Internationale (deutsch-polnische) Jugendbegegnungsstätte befindet. Die jugendherbergsähnliche Unterbringung verfügt über mehrere Seminarräume und eine ausgezeichnete Küche. Da wir dort erst gegen 2.30 Uhr morgens ankamen, fielen wir alle nur noch ins Bett und in einen tiefen Schlaf. Am Donnerstag begann unser Seminar direkt nach dem Frühstück um 10.00 Uhr mit mehrstündigen Vorträgen von den TeamerInnen (Reiner, Axel, Steffi) über Deutsche Geschichte, die Entstehung des Antisemitismus und das „Interessengebiet Auschwitz“, ein Territorium von über 40 Quadratkilometern. Auch allgemeine Fragen von uns Teilnehmern wurden geklärt. Nach der Vorstellung des Programms für die nächsten Tage machten wir uns auf zu einer Art „Spurensuche“ durch Oswiecim rund um das Stammlager Auschwitz. Steffi erzählte uns eine Menge sehr interessanter Dinge und gab uns Hintergrundinformationen zu einzelnen Orten und Gebäuden, die in der Zeit des Krieges eine große Bedeutung hatten - auch wenn man es ihnen heutzutage nicht mehr ansehen konnte. Als wir die Begegnungsstätte wieder erreichten, war es schon recht spät, und wir wurden nach dem Abendessen uns selbst überlassen. Einige spielten Tischtennis, andere unterhielten sich oder gingen einfach ins Bett, da schon dieser erste Tag sehr anstrengend war. Die vielen Informationen, das lange Zuhören und auch das Laufen machten müde, und außerdem benötigten wir viel Kraft für den nächsten Tag...

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Am Freitag mussten wir nach dem Frühstück schnell aufbrechen. Es ging an diesem Tag in das Stammlager, auch Auschwitz I genannt. Wir bekamen dort eine 3-stündige Führung mit vielen Informationen, und man kann sich ja vorstellen, dass das keine leichte Kost, keine spaßige Freizeitgestaltung ist. Wir wurden durch die einzelnen Baracken, Gaskammer und Schlafräume geführt. Ich muss sagen, es ist wirklich ein riesiger Unterschied, diese Bilder in Büchern oder im Fernsehen zu sehen, oder selbst an diesen Orten zu stehen, wo vor gar nicht allzu langer Zeit bis zu 20.000 Menschen gleichzeitig litten und starben: Juden, politische Gefangene, Frauen, Kinder, Alte, Gesunde und Kranke mussten bis zur Erschöpfung, und bis zum Tod arbeiten, während sie unter Hunger, Krankheit und unmenschlichen Bedingungen litten. Das Stammlager erinnerte mich allerdings sehr an ein Museum: Es gab viele Schaukästen, in denen zum Teil echte Haare von damaligen Opfern, Schuhe, Löffel, Koffer und andere Habseligkeiten ausgestellt wurden. Es wurden viele Besuchergruppen verschiedener Nationalitäten zur gleichen Zeit herumgeführt, so dass viel von der Atmosphäre verloren ging. Nach der Führung gab es für uns eine kurze Pause, die dem Mittagessen diente. Danach hatten wir alle noch einmal die Chance, allein oder in kleinen Gruppen selbständig das Lager zu besuchen, um Orte, die uns besonders beeindruckt oder berührt hatten, noch einmal in Ruhe anzugucken. Im Lager gab es außerdem viele Ausstellungen: Jedes Land hat die Möglichkeit bekommen, seine eigene Geschichte und Folgen des 2. Weltkrieges auszustellen - wie es ihnen beliebt. Mir gefiel die französische Ausstellung am besten. Dort hingen viele Fotos von Opfern; es gab viele Informationstafeln und Filme, und man hat einfach gesehen, dass dies alles mit sehr viel Mühe und Liebe gemacht worden war.

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henryk_mandelbaum_kWir mussten uns allerdings ein wenig beeilen, denn schon um 17.00 Uhr erwarteten wir in der Begegnungsstätte Besuch, sehr besonderen Besuch: Herrn Henryk Mandelbaum. Mandelbaum ist ein Zeitzeuge und Überlebender des Vernichtungslagers Birkenau. Damals war er im Sonderkommando eingesetzt. Das Sonderkommando bestand aus Häftlingen und diente zur absoluten „Drecksarbeit“. Mandelbaum hatte damals die schreckliche Aufgabe, die vielen, vielen Leichen der ermordeten Häftlinge täglich aus den Gaskammern zu schleppen und dann zu verbrennen. Ihm und seinen Mithäftlingen war klar, dass sie eines Tages ganz genau so enden würden, denn die Sonderkommandos wurden regelmäßig liquidiert. Das Gespräch mit dem mittlerweile 85- jährigen Polen war sehr beeindruckend, bedrückend und teilweise problematisch in der Kommunikation. Er spricht zwar Deutsch, aber ihn zu verstehen war manchmal nicht ganz so leicht - aber das könnt ihr im Film selber begutachten. Er berichtete ausführlich von seiner schrecklichen Arbeit, seiner Flucht und den psychischen Folgen die er bis heute davonträgt. Dieses Gespräch hat mich sehr beeindruckt, vor allem weil Herr Mandelbaum immer noch so optimistisch ist und immer wieder Appelle an uns Jugendlichen richtete, solche Geschehnisse niemals wieder möglich zu machen. Für Samstag war der Besuch im Vernichtungslager Birkenau geplant, von welchem wir am vorigem Abend durch Herrn Mandelbaum ja schon vieles erfahren hatten. Wir kamen dort an, und ich war zunächst einmal sehr erschrocken und sprachlos über dieses riesengroße, wirklich unbeschreiblich große Gelände, das damals ja einzig und allein der Menschenvernichtung diente.

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In Birkenau war es ganz anders als im Stammlager: Viele Gebäude und Baracken waren noch sehr gut erhalten oder teilweise rekonstruiert. Es sah im Prinzip genau aus wie damals. Außerdem wirkte es überhaupt nicht wie ein Museum, was mir ein sehr beklemmendes Gefühl gab. Ich hatte wirklich den Eindruck, dieses Lager wäre theoretisch jederzeit wieder in der Lage, in Betrieb genommen zu werden. Lediglich einige wenige Gedenk- und Informationstafeln machten deutlich, dass dieser Ort der Besichtigung und dem Gedenken gewidmet war. Hier in Birkenau übernahm Steffi die Führung. Sie machte dies auf eine ganz andere Art und Weise wie die professionelle Führerin aus dem Stammlager: Steffi arbeitete mit Biographien und Geschichten, die sich hier tatsächlich ereignet hatten. Wir hielten uns insgesamt etwas über 7 Stunden auf dem Gelände auf und waren am Ende alle wirklich sehr durchgefroren. Denn in Polen herrschen zu dieser Zeit ganz andere Temperaturen als in Deutschland: Es war wirklich eiskalt. Zurück in der Begegnungsstätte, hatten wir alle kurz Zeit, heiß zu duschen und etwas zu essen, doch dann ging es schnell weiter im Programm. Wir trafen uns, um die Ereignisse, Erfahrungen und Eindrücke der letzten beiden Tage zu besprechen. Uns allen waren die Tage nahe gegangen, und unsere Runde wurde bald sehr persönlich. Wir konnten uns gut austauschen über unsere Gefühle während der KZ-Besuche. Völlig erschöpft und sicherlich mit den Gedanken noch in Birkenau und bei den Opfern, beendeten wir diesen Tag.

Der Sonntag war unser letzter richtiger Seminartag. Wir trafen uns früh morgens im „Haus der Stille“, einem Ort, der dem Gedenken und Beten diente. Wir konnten jeder eine Kerze anzünden, die wir dem Ort oder der Person, dem Ereignis oder der Geschichte widmeten, die uns am meisten berührt hatte. Danach bekamen wir zum ersten Mal in dem sonst so vollen Programm Zeit für uns selbst und in der wir die Gelegenheit hatten, Orte zu besuchen, die uns bewegt hatten. Einige besuchten das Stammlager, andere die jüdische Synagoge in Oswiecim, andere wieder nutzten die Zeit einfach, um für sich allein zu sein. Um 14.00 Uhr trafen wir uns dann wieder, um mit dem Bus nach Krakau zu fahren. Dort bekamen wir eine tolle Stadtführung von einem äußerst netten Studenten. Wir beendeten den Tag und gleichzeitig das Seminar mit einem Abschlussessen in einem jüdischen Restaurant in Krakau. Der Montag war hauptsächlich der Abreise gewidmet. Wiir trafen uns morgens nur noch kurz, um eine Art Feedback der gesamten Fahrt zu machen, eventuell Lob, Kritik oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Mein persönlicher Eindruck von dem Seminar war sehr gemischt. Ich fand es unglaublich interessant und bin froh, mitgekommen zu sein. Ich habe dort viel gelernt, viel gesehen und habe einiges mit nach Hause genommen, das ich noch verarbeiten muss. Ich fand die Gestaltung und die einzelnen Vorträge sehr gut und war auch von den internen Gesprächsrunden beeindruckt. Gestört hat mich allerdings der Zeitdruck, das dichte Programm und die fehlende Zeit, die Dinge allein zu verarbeiten und zu überdenken. Meiner Meinung nach hat einfach ein Tag gefehlt. Viele sahen das so, auch die TeamerInnen. Um 11.00 Uhr ging es dann mit dem Bus auf nach Katowice zum Flughafen, dann per Flugzeug nach Frankfurt. Am Flughafen Frankfurt mussten wir uns alle voneinander verabschieden, da die Teilnehmer in ganz Deutschland verstreut leben.

Weitere Informationen:

Gedenkstädte und Museum Auschwitz - Birkenau

Filmtipp: Die Grauzone - Film über das Sonderkomando - Hyperlinks

Informationen zur Person Henryk Mandelbaum - Wikipedia

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