Für viele Rostocker war es Anfang der 90er Jahre nicht einfach: Die wirtschaftliche Lage am Hafen war schlecht, die Träume über ein schönes West-Leben wurden oft nicht zur Realität, und die Bürger mussten mit der Arbeitslosigkeit kämpfen. Viele junge Menschen l2verließen die Stadt, weil sie keine Perpektive sahen. In den Köpfen vieler stellte sich wieder einmal die falsche Assoziation zwischen steigender Einwanderungszahl und wachsender Arbeitslosigkeit her. Auch manche Politiker machten die steigende Zahl von Asylsuchenden dafür verantwortlich, dass sich das Lebensniveau im Osten schlechter entwickelte als von den meisten erhofft, und kämpften dafür, das Asylrecht zu beschränken. Ausländer, egal ob legal oder illegal, wurden als ungewünschte Konkurrenten am Arbeitsmarkt und Asylbewerber als riesige und unnötige Last gesehen. Die Rechtsradikalen wurden stärker und immer gewalttätiger.
Die Zentrale Aufnahmestelle (ZAST) für Asylbewerber aus Mecklenburg-Vorpommern wurde 1990 im Rostock-Lichtenhagen gegründet. Es dauerte nicht lange, und das in einer Plattenbausiedlung gelegene Hochhaus war mit Asylbewerbern überfüllt. Da es drinnen nicht genug Platz gab, verbrachten sie viel Zeit vor dem Haus; manche mussten dort sogar schlafen. Die Situation eskalierte. Mitte August 1992 verteilte die rechte Szene in Rostock Flugblätter, die zu Protesten gegen das Asylzentrum in Lichtenhagen aufriefen. Eine regionale Zeitung verbreitete die Nachricht und warnte vor möglichen Gewalttaten. Das war auch der Grund, warum der ganze Angriff vom Fernsehen gut dokumentiert ist.

Am Wochenende vom 22. bis l4 24. August versammelten sich dann mehrere hunderte Nazi-Skinheads sowie 3000 Anwohner der Siedlung vor dem Haus, riefen fremdenfeindliche Parolen wie „Ausländer raus!“, warfen Steine und Molotowcocktails gegen das Haus. Die wenigen Polizisten, die dabei waren, nahmen hingegen eher die Gegendemonstranten von der Antifa fest. Am Sonntag ging es weiter, die Asylbewerber wurden daraufhin evakuiert. Im Haus blieben aber immer noch 120 Vietnamesen übrig, die als sogenannte „Vertragsarbeiter“ in die ehemalige DDR eingeladen worden waren. Am Abend des gleichen Tages wurden alle Polizisten plötzlich abgezogen. Warum? Schien ihnen die Lage wirklich sicher zu sein? Die Angriffe auf das Haus nahmen jedoch zu, und es flogen immer wieder Molotow-Cocktails durch die Fensterscheiben. Viele Anwohner betrachteten das Geschehen freudig und klatschten den Nazis Beifall. Kurz danach fing es im Haus zu brennen an. Da die Feuerwehr wegen allgemeinem Chaos den Brand nicht löschen konnte, weitete sich das Feuer aus. Die Vietnamesen fanden zum Glück einen Weg über das Dach aus dem Haus hinaus und retteten sich so das Leben.
Einige Tage danach fanden in Rostock und bundesweit viele Demonstrationen gegen Ausländerfeindlichkeit statt. Die verantwortlichen Politiker und Polizisten wehrten sich gegen die starke Kritik und behaupteten, dass die Leben der Vietnamesen niemals gefährdet gewesen seien. Hätte erst ein Mensch sterben sollen, um die Lebensgefahr zu beweisen? Erst im Februar 1993 wurde der Innenminister des Landes, Lothar Kupfer, zum Rücktritt gezwungen. Weitere Konsequenzen in Polizei, Politik und Verwaltung ließen bis heute auf sich warten.

l1Bis 2002 dauerten die Prozesse gegen die Angreifer. Die meisten wurden nur zu Bewährungs- oder Jugendstrafen verurteilt. Bis jetzt wurden die Ursachen nicht ganz geklärt. Es gibt Theorien, dass die Aktionen in Lichtenhagen mit der Absicht provoziert waren, auf die Notwendigkeit einer Änderung des Asylrechts hinzuweisen. Mit dieser Initiative, die die Zahl der Bewerber kräftig senken sollte, kam die Fraktion der CDU/CSU im Bundestag schon früher - wegen des Anstiegs der Asylanträge in den 80er Jahren. Während es 1983 nicht einmal 20.000 Anträge gab, so waren es neun Jahre später schon mehr als 438.000. Das Grundgesetz gab damals jedem das Recht, sich um Asyl zu bewerben. Weil aber der Bund nicht bereit war, die dafür nötigen Raumkapazitäten zu schaffen, waren die Aufnahmestellen rasch überlastet und die Anwohner in der Nachbarschaft unzufrieden. Die Nazis nutzten das für sie günstige Klima aus und organisierten daraufhin mehrere Brandanschläge auf Asylbewerberheime, so in Hoyerswerda, Hünxe (1991), Lampertzheim und Mölln (1992) sowie in Lichtenhagen.
Die Problematik des Asylrechts wurde breit diskutiert. Für eine Änderung des Grundgesetzes, in dem das Asylrecht verankert ist, war eine Mehrheit von zwei Dritteln der Abgeordneten notwendig. Deswegen konnte das die Union allein nicht schaffen. Die SPD zögerte längere Zeit. Der Angriff in Lichtenhagen war für die SPD ein starkes Argument dafür, der Union zuzugeben. Zusammen führten sie dann die Reform durch. Manche Länder wurden als „sichere Herkunftsstaaten“ bezeichnet, so dass die Bewerber auf einmal selbst beweisen mussten, dass die Menschenrechte in ihrem Herkunftsland gefährdet sind. Alle Nachbarländer wurden zu “sicheren Drittstaaten“ erklärt. Wer sich schon in einem sicheren Land befunden hat, musste sich dort um Asyl bewerben und hatte in Deutschland dazu keine Möglichkeit mehr. Dadurch mussten die Asylbewerber von nun an mit dem Flugzeug in Deutschland ankommen, um dort einen Antrag stellen zu können. In den folgenden Jahren sank die Zahl der Asylbewerber.

Zehn Jahre nach der Tragödiel3 l5im Juli 2002 warfen in der Nacht drei Jugendliche erneut Steine und Molotow-Cocktails ins Fenster des vietnamesischen Imbisses und des Asia-Markts in Lichtenhagen. Dieses Mal waren aber wenigstens keine lachenden Zuschauer dabei, und das Feuer wurde schnell gelöscht. Die Sonderkomission der Polizei verhaftete die Angreifer schnell, und der Rostocker Bürgermeister besuchte gleich nach zwei Tagen den Tatort und sprach mit den Betroffenen. Obwohl sich immer wieder einige finden, die sich Migranten als Sündenböcke für ihre Probleme aussuchen, hat sich seit dem Zwischenfall in Lichtenhagen doch etwas in Rostock bewegt. In größerem Maße zeigt sich der Wille der Politiker, über heikle Themen zu diskutieren. Die Aufnahmestelle befindet sich nicht mehr in Lichtenhagen und ist auch jetzt angenehmer. Selbst Ausländer in Rostock wurden aktiver: Sie haben nun einen Beirat bei der Stadt (den einzigen in Mecklenburg-Vorpommern) und gründeten einige Vereine, um die Kommunikation zwischen den Ausländern und Deutschen zu verbessern. Außerdem bieten sie Sprachkurse und Freizeitaktivitäten an und organisieren Festivals.

Update Oktober 2012: 20 Jahre nach den rassistischen Ausschreitungen und Übergriffen demonstrierten 6000 Menschen unter dem Motto "Das Problem heißt Rassismus" in Rostock. In dem Artikel von Netz-gegen-Nazis hierzu wird die aktuelle Debatte um das Gedenken sehr gut wiedergegeben.

Weitere Hintergründe:

Film " The Truth lies in Rostock" - Die Wahrheit liegt in Rostock - Dokumentation über den rassistischen Übergriff und die Folgen für die Betroffenen der rechten Gewalt

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