Fahrt nach Theresienstadt, 10. – 14. Juni 2009

Die Garnisonsstadt Terezín (zu deutsch: Theresienstadt) wurde ab 1780 auf Anordnung des österreichischen Kaisers Franz Joseph II. zum Schutz vor preußischen Angriffen auf den Nordwesten Böhmens errichtet. Da die Anlage aber niemals attackiert wurde und Österreich-Ungarn sich Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Deutschen Reich (zu dem auch Preußen gehörte) verbündete, war es nicht mehr notwendig, diese Region durch eine Festung zu schützen. Somit wurde der Stadt im Jahr 1882 der Festungsstatus entzogen und die meisten Soldaten abgezogen, auch weil die militärischen Kräfte jetzt an anderen Orten gebraucht wurden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fiel Terezín an die neu gegründete Tschechoslowakische Republik und wurde Garnisonsstadt für deren Armee. Als Hitler im Jahr 1939 die so genannte "Resttschechei" besetzen ließ, nachdem er sich 1938 im Münchner Abkommen schon die Sudetengebiete (Grenzgebiete zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich mit deutscher Minderheit) einverleibt hatte, wurde Theresienstadt zu einem Konzentrationslager umfunktioniert. Da die Stadt komplett von einer hohen Mauer umgeben ist, die ursprünglich zum Schutz vor äußeren Feinden errichtet worden war und der Zugang nur durch einige wenige, leicht zu bewachende Tore möglich ist, ließ sie sich gut als Ghetto bzw. Konzentrationslager nutzen. So wurde Theresienstadt ein Teil der mörderischen Vernichtungspolitik des Deutschen Reiches. Hier wurden Juden, politische Gefangene und andere "Feinde" der Nazis zunächst eingesperrt, um dann in die Vernichtungslager im Osten deportiert zu werden. In der Stadt, wo heute etwa 2000 Menschen leben, waren zu Spitzenzeiten etwa 60.000 Leute inhaftiert. Von insgesamt 150.000 Menschen, die während der Besatzung durch das Deutsche Reich in Terezín eingesperrt waren, wurden etwa 87.000 in Vernichtungslager deportiert und ermordet, 30.000 starben an Hunger, Krankheiten und anderen Entbehrungen.

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Anfang Juni des Jahres 2009 machten wir im Rahmen des Projektes "Hyperlinks gegen Rechts" eine viertägige Fahrt nach Terezín, um uns die Überreste der deutschen Verbrechen anzusehen. Wir, das ist eine Gruppe von Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren, die sich teilweise schon aus früheren Seminaren des Projektes kannten. Als wir am in Theresienstadt am späten Nachmittag ankamen, mussten wir uns zunächst von einer zehnstündigen, anstrengenden Fahrt erholen. Wir erhielten noch ein paar Infos über das Programm und schauten uns den in Theresienstadt spielenden Film „Der letzte Schmetterling“ an. Danach nutzten wir die Zeit, um uns als Gruppe noch besser kennen zu lernen. Das eigentliche Programm begann am nächsten Morgen, als wir von einem europäischen Freiwilligen, der seinen Zivildienst in Terezín ableistete, durch die Stadt geführt wurden. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass an diesem Ort zu Spitzenzeiten mehr als 60.000 Menschen leben mussten, da die Stadt wirklich recht klein ist. Man kann praktisch an jedem Platz die Mauer sehen, die sich rund um die Stadt zieht und sie früher gegen militärische Angriffe schützen sollte, später aber für die Gefangenen ein fast unüberwindbares Hindernis zur Flucht war. Zunächst erinnerte uns wenig an die grauenhafte Geschichte dieses Ortes. Die Stadt ist recht hübsch, die vielen alten Gebäude schaffen eine gemütliche Atmosphäre, und auch die Landschaft rundum ist idyllisch. Die Menschen gehen morgens zur Arbeit, die Kinder zur Schule, alles ist genau wie in einem normalen Dorf. Nur wenn man genauer hinsieht, findet man noch Spuren von den Verbrechen, beispielsweise wurden im Konzentrationslager Terezín die Häuser nummeriert, um den Alltag im Lager besser zu organisieren (Straßennamen gab es nicht), einige der Häuser tragen heute noch die Nummern von damals… Theresienstadt war nur ein Zwischenlager, in denen die Opfer der Nazis konzentriert und schließlich in Vernichtungslager weiterdeportiert werden sollten. Besonders makaber war, dass der Ältestenrat, ein aus Häftlingen bestehendes Gremium, bestimmen musste, wer deportiert und damit in den Tod geschickt wird; die SS gab lediglich die Anzahl vor.

Je weiter die Führung voranschritt, desto genauer wurde das Bild vom Leben der Häftlinge im Konzentrationslager Theresienstadt. Im Vergleich zu anderen Lagern hatte Terezín ein eigenes kulturelles Leben, es wurden heimlich Opern und Theaterstücke aufgeführt, es gab Chöre, und die Kinder des Lagers erhielten heimlich Schulunterricht. Das war möglich, da zur Bewachung des Lagers nur etwa 20-30 SS-Leute abgestellt wurden, die zwar von der tschechischen Gendarmerie (die zum Dienst gezwungen wurde) unterstützt wurde, die allerdings im allgemeinen ihren Dienst nicht so grausam vollzog wie die SS. Man darf sich allerdings keine falschen Vorstellungen über den Lageralltag machen. Auch wenn Theresienstadt kein KZ war, wo Menschen systematisch ermordet wurden und die Zustände wohl nicht ganz so schlimm waren wie in anderen Konzentrationslagern, so waren die Lebensverhältnisse trotzdem grausam und unmenschlich. Viele Menschen verhungerten oder starben an Krankheiten, denn Seuchen breiteten sich in den beengten Verhältnissen sehr schnell aus. Mann muss sich vor Augen halten, dass von allen Insassen immerhin ein Fünftel direkt im Lager an den Folgen der grausamen Lebensbedingungen starb und etwa drei Fünftel später in anderen Lagern ums Leben kamen. Nachmittags besuchten wir das Gestapo-Gefängnis Kleine Festung, das außerhalb von Terezín liegt und in der die Nazis vorwiegend nicht-jüdische Häftlinge eingesperrt hielten. Auch von Österreich-Ungarn wurde diese Anlage schon als Festung genutzt; der wohl berühmteste Häftling war Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajewo, der mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand II. und dessen Frau die Julikrise und schließlich den 1. Weltkrieg auslöste.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Lidice, einen kleinen Ort, der etwa auf halbem Weg zwischen Terezín und Prag liegt. Dieser Ort hat eine besonders traurige Geschichte und ist wie stellvertretend für die Verbrechen des Deutschen Reichs in den besetzten Gebieten. Am 27. Mai 1942 wurde Reinhard Heydrich, der stellvertretende Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, einer der Organisatoren des Holocausts und Leiter der Wannseekonferenz, bei einem Attentat tödlich verletzt. Die SS fahndete fieberhaft nach den Tätern und vermutete diese schließlich in Lidice (was, wie sich später herausstellte, nicht stimmte). Die Bevölkerung wurde aufgefordert, die Attentäter auszuliefern. Als dies nicht geschah, ermordete die SS sämtliche männlichen Einwohner Lidices, die älter als 15 Jahre waren. Die restlichen Frauen und Kinder wurden in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Lediglich einige Säuglinge wurden verschont und "germanisiert", das heißt nach Deutschland verschleppt und dort in Pflegefamilien untergebracht. Danach wurde das Dorf gesprengt, die Trümmer abgetragen, sogar das Landschaftsbild wurde umgestaltet, indem man den Flussverlauf und die Anordnung der Hügel änderte. Der Ort wurde komplett ausgelöscht, allerdings nach dem Krieg an einer anderen Stelle wieder aufgebaut. Wenn man heute an den Ort kommt, wo früher das ursprüngliche Lidice stand, erinnern daran nur noch einige wenige Ruinen, die von den Nazis zugeschüttet, später aber wieder ausgegraben wurden. Außerdem gibt es ein
interessantes Museum, das wir besuchten. Am selben Nachmittag fuhren wir nach Prag und besichtigten dort das ehemalige jüdische Viertel.

Sehr beeindruckend war das Zeitzeugengespräch, welches wir am Nachmittag des vorletzten Tages mit der tschechischen Jüdin Dagmar Lieblová führten. Frau Dr. Lieblová wuchs in einem böhmischen Dorf als Tochter eines Arztes aus und hatte eine behütete, glückliche Kindheit, bis die Nazis 1939 die "Resttschechei" besetzten. Schon bald wurden für die tschechischen und slowakischen Juden die gleichen ungerechten und menschenverachtenden "Rassengesetze" wie in Deutschland eingeführt. Ihr Vater erhielt ein Berufsverbot, ihr selbst wurde es verboten, zur Schule zu gehen, was für sie besonders schlimm war. Später wurde es den Juden auch untersagt, sich an öffentlichen Plätzen aufzuhalten, in bestimmten Geschäften einzukaufen, Haustiere zu halten oder in den Wald zu gehen, bis Frau Lieblová schließlich mit ihrer Familie nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert wurde. Nur durch einen formalen Fehler in den Akten der Nazis, in denen ihr Geburtsdatum falsch aufgeführt wurde, wurde sie später nach Deutschland verschleppt, um dort Zwangsarbeit zu verrichten und erlebte dort die Befreiung durch die Alliierten. Ihre gesamte Familie wurde in Auschwitz ermordet. Besonders beeindruckend fand ich es, dass diese Frau trotz ihrer Erlebnisse später ein Germanistikstudium absolvierte.

Am Sonntagnachmittag fuhren wir schließlich nach vier beeindruckenden Tagen wieder nach Hause. Jeder Teilnehmer hat wieder einmal gemerkt, wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, einerseits aus Respekt und zum Gedenken an die Opfer, zum anderen damit es sich in der Gegenwart und auch in der Zukunft nicht wiederholen kann. Doch nicht nur das eigentliche Programm war interessant und spannend, auch die Zusammensetzung der Gruppe war sehr harmonisch. Jeder von uns hat nicht nur eine Menge dazu gelernt, sondern auch neue Freunde dazu gewonnen.
 
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